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Das Geschäft der Behinderten am Grenzübergang
Ein Hochschulabgänger schlägt sich durch
Die Hilux-Frauen
Fußball und Stromausfall
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Die kongolesische Verfassung kennt 14 grundlegende Artikel. Die Menschen dort aber sagen, diese 14 Artikel könnte man getrost  vergessen, da sie in ihrem Leben keine Bedeutung haben. Wichtig wäre der Artikel 15, der nichtgeschriebene aber in der Realität einzig wirkliche Artikel der Verfassung. Er würde lauten: " débrouillez-vous"  - was soviel heißt wie "sieh selbst zu, wie du zurecht kommst". An einigen Geschichten wird deutlich, was damit konkret gemeint ist:



Das Geschäft  der Behinderten am Grenzübergang

Wenn sie den Grenzübergang Ruzizi I von Bukavu nach Ruanda überqueren wollen, bezahlen Frauen derzeit nichts, Männer dagegen 2 $. Die Händlerinnen von Bukavu machen sich dies zunutze, um sich (auf dem Markt in Cyangugu, Ruanda) mit Lebensmitteln zu versorgen, wie Maniok, Maismehl, Bohnen, und mit anderen wichtigen Produkten wie Zement, Petroleum, Seife, Hautöl etc. Die Überquerung der ruandischen Grenze ist für die kongolesischen Frauen kostenlos. Am kongolesischen Zoll aber haben die Zollbeamten weiterhin die Angewohnheit, willkürliche Gebühren zu erheben. Weil das so ist, begeben sich die Behinderten auf ihren Dreirädern an jedem großen Markttag an die Grenze, denn sie brauchen beim kongolesischen Zoll nichts zu bezahlen.

 

 

Dort machen sie ein unglaubliches Geschäft: Für einen Sack Maismehl zum Beispiel, der mit 0.5 $ zu verzollen wäre, nehmen sie 40 Francs (0.2$) von den Frauen. Ein Behinderter hat uns bestätigt, dass er aufgrund dieser Einkünfte angefangen hat, ein Haus zu bauen. Die Behinderten stellen sog. "pousse-pousseurs" an - Personen, die sie und ihre Dreiräder schieben - und bezahlen diese am Ende des Tages.



Ein Hochschulabgänger schlägt sich durch

Ein Absolvent des Jahrgangs 1987 der Hochschule für Landwirtschaft und Entwicklung (ISDR Bukavu) berichtete, wie er heute lebt: Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Seine Frau verkauft Maniokmehl auf dem kleinen Markt von Chimpunda. Er selbst hatte, nachdem er drei Jahre lang unbezahlt für eine Nichtregierungsorganisation (NRO) vor Ort gearbeitet hatte, das Glück, einen Vertrag für sechs Monate bei einer anderen, größeren NRO zu erhalten. Dort war er als landwirtschaftlicher Supervisor angestellt. Nach Ende des Vertrags wurde er verabschiedet, da das Projekt auslief. Er stand auf der Straße und wurde arbeitslos. Aber da er im Rahmen seines letzten Vertrags auf dem Hof seines Arbeitgebers mitbekommen hatte, wie geschlachtet und Fleisch verarbeitet wird, fing er an, selbst Metzgereiprodukte herzustellen (Würstchen, Schinken und Cervelatwurst). Diese verkauft er tagsüber in der Innenstadt von Bukavu, um so zum Überleben seiner Familie beizutragen. Seine Frau unterstützt ihn dabei. Seine Geschichte sorgt z.Zt. für Gesprächsstoff bei den Organisationen in Bukavu. Sie sehen darin ein gelungenes Beispiel von "Autopromotion". Andere Leute machen sich über ihn lustig und sagen, ein "Intellektueller" seiner Rangordnung solle nicht zum "Herumtreiber" werden.



Die Hilux-Frauen

Da die Straßen in der Zone Mwenga wegen der großen Unsicherheit unpassierbar geworden sind, sind die Frauen zu wahren "Hilux" (Toyota Hilux = Kleintransporter) geworden. Sie sichern so den Transport der Waren von Kilungutwe nach Kamituga.

In diesem Teil unserer Region herrscht das Bandenwesen. Die Händler, die von Bukavu kommen, ziehen es vor, nicht als die Besitzer ihrer Waren in Erscheinung zu treten. Sie wollen sich so vor Übergriffen der Bewaffneten schützen. Jetzt bringt man die Waren mit Lastwagen nur bis Tubimbi oder Kilungutwe, etwa 80 km von Bukavu. Dort bieten sich Frauen an, sie gegen "Bezahlung" in Form eines Stoffes von sechs Yard (ca. 3 m) "made in Dubai" ans Ziel zu bringen. Der Wert des Stoffes beträgt 5 $. Eine Frau schleppt auf dem Rücken etwa 25-30 kg über eine Strecke von ungefähr 100 km. Sie braucht dafür drei bis vier Tage. Am Ende erhält sie den Stoff als Gegenleistung. Dies reicht nicht einmal aus, um die notwendigsten Bedürfnisse ihres Haushalts zu decken.

Bei Rückkehr nach Hause erkranken die Frauen oft aufgrund ihrer Erschöpfung oder anderen Vorkommnissen unterwegs. Andere kommen mit einer Schwangerschaft zurück nachdem sie versucht haben, von ihren Arbeitgebern einen Zusatzverdienst zu bekommen. Die Händler glauben, in diesen Frauen Partnerinnen gefunden zu haben, die mit Sicherheit nicht (HIV-) infiziert sind. Einige haben sich feste Partnerinnen gewählt für die Zeit, in der sie in der Gegend sind. In bestimmten Dörfern gibt es Kinder, deren Väter diese durchreisenden Händler sind. Gelegentlich verlangen diese Kinder, man solle nach ihren Vätern suchen.



Fußball und Stromausfall

Im Februar diesen Jahres haben die Entscheidungskämpfe für den Afrika-Pokal stattgefunden. Leider verschlechterte sich zu dieser Zeit die Stromversorgung in Bukavu und den anderen Städten im Kivu zusehends. Trotzdem ist es der Bevölkerung gelungen Möglichkeiten zu finden, trotzdem die Spiele zu gucken. In einigen Stadtvierteln von Bukavu, wie Bugabo, Nyamungo, Essence und Bagira, haben sich einige Leute einen Generator gemietet, um eine eventuelle Strompanne zu überbrücken. An jedem Spieltag kamen die Zuschauer in den Hof und bezahlten 20 FC Eintritt pro Vorstellung. Kein schlechtes Geschäft, wenn pro Tag 150 Leute und nur drei bis vier Liter Treibstoff zum Preis von 2,60$ US verbraucht wird (1$ entsprachen 250 FC). An anderen Plätzen wurden ebenfalls Fernseher aufgestellt - man musste nur ein Bier für 1$ US kaufen. Aber wenn der R.D.Congo spielte wurden die Preise verdoppelt, weil natürlich jeder diese Spiele sehen wollte.