Aktuelle Situation in Bukavu und Umgebung (2015) Drucken
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Aktuelle Situation in Bukavu und Umgebung (2015)
Berufliche Sicherheit
Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln
Das Leben im ländlichen Bereich
Gesundheitliche Aspekte
Das politische Leben
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Übersetzung des Textes von Innocent Balagizi   

Seit dem Beginn des Jahres 2014 ergibt die Situation in Bukavu und im gesamten Osten der Demokratischen Republik Kongo das Bild einer Region, die aus Krieg und Konflikten hervorgeht und vor allem charakterisiert ist durch mangelnde Verantwortung der Regierungsstellen und unzureichende Zusammenarbeit zwischen Stadtgesellschaft und dörflichen Gemeinschaften.

Die Arbeitslosigkeit unter den jungen Studienabgängern –die beinahe totale Abwesenheit der Kirchen bezüglich der Zukunftsfragen der jungen Generation und der Familien, die allgemeine Sorge um einen politischen Wandel, das sind die täglichen Diskussionspunkte im Radio, in den Schulen und auf den Straßen. Die Bevölkerung bleibt optimistisch und positiv gestimmt, was die Zukunft angeht, trotz der hohen Sturmeswellen.

Im Übrigen steigt die Armutsrate, betreffend die Kinder und ihre Mütter. Man zählt 87% wirklich Arme in der Stadt Bukavu – an den steilen Hängen oder in sumpfigem Gelände in erbarmungswürdigen Zuständen hausend. Eltern verlassen ihre Haushalte und verbringen Stunden beim Bier in Lokalen oder sie brechen auf der Suche nach Geld in die Bergbaugebiete auf. Die Rate der Alkohol- und Cannabiskonsumenten steigt unter den heranwachsenden Jungen und Mädchen. Frauen sind für ihr Überleben der sexuellen Ausbeutung ausgesetzt, mit den Risiken sexuell übertragbarer Krankheiten und von HIV/AIDS.

Die Sitten verfallen. Psychologische Berater fehlen oder sie arbeiten nicht familienorientiert. Die Kirchenführer werden von politischen Ämtern angezogen. Auf den Gesichtern von 90% der Menschen spiegelt sich Aggressivität und die schlägt sich nieder in einer Betonung des Tribalismus und in sozialen Konflikten.

50% der Bevölkerung sind in der Altersklasse 0 -15 Jahre. Die Schulen bleiben der einzige Rahmen für die Wiedergewinnung und Vorbereitung der jungen Generation auf das Leben. Dort debattiert man, wie man die Zahl der erfolgreichen Schulabschlüsse erhöhen kann, auf welche Art und Weise auch immer. Private Schulen schießen aus dem Boden, eröffnet in unfertigen Gebäuden und Baustellen, in den kirchlichen Büros für kommunale Entwicklung, sowie in leerstehenden Gebäuden. 80% der Betreiber sind Geschäftsleute und Politiker – Vergiftung der Jugend? Produktion von diplomierten Ungeheuern in großer Zahl?

Auch das Gebäude der Diakonie der Eglise du Christ au Congo  (ECC) in Bukavu-Nyawera beherbergt eine Universität „ISAM, Hochschule für Künste und Handwerk“. Trotz ihrer wirtschaftlichen Schwäche müssen die Eltern die Kosten für die Ausbildung ihrer Kinder selbst tragen: Die Kosten betragen mindestens 15 US$ pro Monat, für die Universität  muss man mehr bezahlen. So muss ein Elternteil, der 100US$ monatlich verdient, mindestens 60 US$ in die Schulbildung der Kinder investieren, und er/sie muss sich verschulden, um Lebensmittel einzukaufen – die Begleichung von Schulden ist eine Hauptursache von Konflikten, und es gibt zahlreiche Arme, die wegen unbezahlter Schulden im Gefängnis sitzen. Die Gesundheitsfürsorge wird zur Nebensache und die Zahlung der Miete kann man vergessen.

Die renommierten Schulen, katholische wie evangelische, versuchen in ihrer Auseinandersetzung mit diesem Thema eine verantwortungsbewusste Elite heranzuziehen mit einem besseren Verständnis und moralischen Bewusstsein. Diese Inselchen der Weisheit in einem Ozean der Mittelmäßigkeit sind noch zu finden, und es gilt, sie zu identifizieren und zu begleiten. Man beachte z.B. folgende Äußerungen junger Menschen:

-    Jean die Dieu (25J.), den ich in Uvira traf, sagte: „Den Werteverfall zu verachten, das ist eine Quelle des Friedens und des Fortschritts; aber wie soll man da überleben, wo Hunger und Armut herrschen und wo die Älteren ein schlechtes Beispiel als Bürger abgeben?“
-    Antoinette (28J.) erklärt: „Es würde mir kurzfristig Vorteile an meinem Arbeitsplatz bringen, wenn ich mich prostituieren würde; aber danach würden mich Schuldgefühle und der persönliche Niedergang bis zu einem frühen Tod verfolgen… ich sehe das Los meiner Altersgenossinnen.“



Berufliche Sicherheit

Die Regierung macht eine besondere Anstrengung, ihre Angestellten (Lehrer, öffentliche Angestellte, Ärzte) zu bezahlen. Das Gehalt, auch wenn es nicht ausreicht, um die monatlichen Ausgaben zu decken, ist regelmäßig und jeder bezieht es per Banküberweisung. An dieser Stelle sind die Bemühungen der Regierung anzuerkennen. Auch wer im Landesinneren wohnt, bezieht das Gehalt auf diese Weise und indem er eine Vollmacht ausstellt. Das niedrigste staatliche Gehalt liegt bei 75 US$ im Monat.
Die Arbeitslosigkeit von 45% betrifft vorwiegend die jungen, nach Arbeit suchenden Männer und Frauen. 75% der Arbeiterinnen wollen ihre Arbeit keinesfalls verlieren und geben ihre Säuglinge in Kinderkrippen, um sie durch ihre Arbeit am Leben erhalten zu können.



Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln

Wenn man den Bereich der Lebensmittelversorgung betrachtet, dann haben sich die Städte von ihrer Aufgabe verabschiedet, landwirtschaftliche Projekte zu fördern oder die landwirtschaftlichen Fachkräfte in ihrer Arbeit zu unterstützen, Saatgut anzubieten oder landwirtschaftliche Helfer in die Dörfer zu entsenden. Die sexuelle Gewalt gegen die Frauen im ländlichen Bereich, die Austrocknung der Flüsse, die Bodenerosion, die Entwicklung hin zu immer länger werdenden Dürreperioden, die dazu führt, dass die Feldfrüchte schon 2-3 Monate vor der Ernte verkauft werden müssen, all das sind Ursachen für soziale Konflikte und Stress unter der Dorfbevölkerung.

80% der Bauern verlassen ihre Dörfer, um in die Städte zu ziehen, nach Bukavu, Goma und Uvira, um dort was zu tun? - selbstgebackenes Gebäck und Brot zu verkaufen…  Andere junge Männer aus dem ländlichen Bereich lassen ihre Frauen für 1-2 Wochen allein zurück, um mit mageren Profiten (z.B. aus den Bergwerken*) zurückzukommen. Straßen und Häuserecken sind zu Trinkbuden und Marktständen geworden, wo man alles verkauft, was Geld einbringt.



Die Älteren gewöhnen sich nur schwer an das Leben in Bukavu. Z.Zt. hat die Stadt eine Million Einwohner auf einer Fläche von nur 44 km². Mieten und Grundstückspreise steigen, eine Parzelle von 5 x 8 m kostet derzeit 10.000 US$. Eine Monatsmiete für eine Dreizimmerwohnung im äußeren Bereich des Stadtzentrums liegt bei 250US$.
In dieser Lage gerät die afrikanische Solidarität ins Wanken, was zu schwereren Konflikten in den Großfamilien führt. Zahlreiche Menschen haben sich entschieden, in die Städte Cyangugu und Gisenyi im benachbarten Ruanda zu ziehen, wo man eine gleich große Wohnung zu einem Drittel des Preises finden und den familiären Streitigkeiten aus dem Weg gehen kann.



Das Leben im ländlichen Bereich

Viele Dörfer sind durch Bodenerosion und Nährstoffmangel der Böden zerstört. Die Entwaldung ist fast vollständig (wegen der Herstellung von Holzkohle und Bauholz für die Städte). Es gibt keine Regulierung des Holzeinschlags. Die Wiederaufforstung geschieht auf eine sehr simple Art und Weise und ohne die abgeholzten Flächen - im Sinne einer ökologischen Resilienz - wieder zu bedecken. Dadurch ist der Mutterboden verschwunden und die offenliegende, rote Erde eignet sich nicht mehr für den Anbau. Bananen und Maniok, die die wichtigsten Anbaupflanzen waren, sind durch Pflanzenvirus-Krankheiten dezimiert. 80% der Bauern betreiben irgendeinen kleinen Handel zur Verbesserung der örtlichen Einkommenssituation. Junge Menschen verlassen die Dörfer, bauen in den Städten nicht genehmigte Häuser und tragen so zur Unsicherheit bei.

Die Bemühungen der Nichtregierungsorganisationen richten sich auf die Wiederherstellung der Bodenqualität, die Unterstützung des Kleinhandels durch Mikrokredite, die Einführung neuen Saatguts und Kredite für die Haustierzucht. Auch werden Seminare für Dorfbewohner angeboten zur Konflikteindämmung und zur Verbesserung der häuslichen Ökonomie. 70% der landwirtschaftlichen Produkte, die die Stadt Bukavu verbraucht, kommen aus Ruanda. Das ist ein Skandal (angesichts der Tatsache, dass der Kivu noch vor 20 J. der Garten des Kongo war*). Kurz gesagt, im Rathaus von Bukavu hat man keine Konzepte entwickelt zur Entwicklung des eigenen ländlichen Raumes (von dem die Stadt normalerweise abhängt, Ergänzung der Übersetzerin).



Gesundheitliche Aspekte

Sehr viele Haushalte klagen täglich über eine Krise der „Lebensmittelvergiftung“, bedingt durch das exzessive Konsumieren von „Fastfood“, Nahrungsmittel mit chemischen Zusätzen. Dabei klagt man immer jemand anders an, aber man denkt nicht an die chemischen Stoffe, an die Farbstoffe, an die chinesischen Plastikverpackungen… und an kontaminiertes Wasser? Typhus ist eine endemische und chronische Krankheit geworden. Durch eine infizierte Person kann sich eine Infektion in der Familie z.B. über das Badewasser verbreiten.

Nathalie (25J.) sagt: Früher war der Tod ein Prozess, den man beobachten konnte, heute ist er eine alltägliche Tatsache. Trauerfälle sind wie Hochzeiten, jede Woche einer! Wie lange sollen wir noch jedes Mal einen Beitrag für eine Beerdigung entrichten, weil schon wieder jemand gestorben ist!

Die Ehen lösen sich auf, weil drei von vier ohne Liebe geschlossen werden, und es gibt wenig, was Frauen auf sich allein gestellt nicht tun würden, um das Überleben ihrer Familie zu sichern.

Vivine (27J.) erklärt: Ich muss auf die Hochzeit mit meinem Mann verzichten, damit meine Brüder und Schwestern an der Universität studieren können und damit meine Mutter ihr Restaurant im Dorf betreiben kann. Kein Mann würde das an meiner Stelle akzeptieren, wenn man schon zusammen ist (für die Hochzeit ist die Familie der Frau verantwortlich*).
Die Handelsreisen der Frauen nach Kigali, Kampala, Bujumbura und Dubai nehmen zu. Die meisten dieser Frauen sind wenig gebildet. Sie sorgen für eine Zunahme des informellen Sektors, zum Nachteil der regulären Wirtschaft.



Das politische Leben

Die Politiker streiten um den Zugang zu Positionen der Macht. Wir sind im Wahlkampffieber.  s werden einige Anstrengungen gemacht, die Infrastruktur zu verbessern, darunter auch die Verbreiterung der Straßen im Stadtgebiet von Bukavu, eine Initiative des Gouverneurs der Provinz Süd-Kivu.



Das ist eine Darstellung des Lebens in Bukavu und seiner Bevölkerung!!!

Erstellt von Innocent Balagizi Karhagomba
Sommer 2015

Übersetzt mit einigen Ergänzungen(*) und kleinen Abänderungen zur besseren Verständlichkeit, von Dr. Elisabeth Fries