Vortrag von Dr. Fries zur Lage im Kongo 2009 - Seite 3 Drucken
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Vortrag von Dr. Fries zur Lage im Kongo 2009
Kongo für alle – alle für Kongo?
Wie ist die aktuelle Situation?
Amani-Friedensprozess / Goma, Januar 2008
MONUC (UNO)
Wie kam es dazu, dass es so ist?
Stichworte zu Geografie, Infrastruktur und Geschichte des Kongo
Wohin fliehen die Menschen?
EU-Interventionspolitik
Verantwortung für die internationale Gemeinschaft
Andere Interessensmächte
Was könnte die Weltöffentlichkeit Positives tun? Z.B. Flüchtlingsaufnahme
Medien und Kontakte
Welche Form von Hilfe nützt den Menschen vor Ort?
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Wie ist die aktuelle Situation?

Drei Kriege hat es seit 1996 dort gegeben. 1997 bezwang der von Rwanda beauftragte Laurent Désiré Kabila (Vater des jetzigen Präsidenten Joseph Kabila) die Regierung Mobutus nach einem achtmonatigen Krieg, in dem er das Land von Ost nach West einnahm, setzte ihn ab und sagte sich von seinen Auftraggebern in Rwanda los. Rwanda schwor Rache. Kabila schütze sich, indem er ausländische Truppen ins Land holte. Sieben afrikanische Armeen waren bis zu dem von Südafrika moderierten Friedensschluss von Sun City 2002 im Kongo stationiert. Die Regierungen, die sich hier engagierten, ließen sich das aus den Ressourcen des Kongo bezahlen.

Kabila und seine Anhänger regierten wie zuvor Mobutu, als ob ihnen das Land persönlich gehörte. Es kam zur Meuterei der Truppen und zu erheblichen ethnischen Konflikten, die in den zweiten Kongokrieg mündeten (1998 – 2001). Am 16.01.2001 wurde L.D. Kabila in Kinshasa erschossen. Sein Sohn Joseph (29) wurde als „Präsident mit simbabwischer Leibgarde“ vereidigt.

Nachdem der große Krieg Rwanda – Kongo zu Ende war, gingen die Milizenkriege weiter. In der Provinz Ituri im Norden kämpften verschiedene Warlords unter ugandischem Einfluss um den Zugang zu den Bodenschätzen. Nebenher wurden alte Rivalitäten zwischen verschiedenen kongolesischen Gruppen ausgetragen.  Einer der Warlords, Thomas Lubanga, muss sich z.Zt. vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten. 
In der Provinz Nord-Kivu, also auf kongolesischem Boden, standen sich bis Januar 2009 im Wesentlichen folgende Kräfte gegenüber:

  • Rwandische Hutu-Milizen der FDLR (Dem. Kräfte zur Befreiung Rwandas) , die in ihren Reihen Anführer des Genozids in Rwanda 1994 haben. Sie brachten sich damals im Kongo in Sicherheit und haben sich im weiten Bergland des Ostkongo verschanzt. Von dort drohen sie mit Vorstößen nach Rwanda. Rwanda fordert seit langem, dass sie unschädlich gemacht werden müssen.
  • Die von Rwanda beeinflusste ostkongolesische Rebellenbewegung CNDP (Nat. Kongress zur Verteidigung des Volkes)  unter dem kongolesischen Tutsi-General Laurent Nkunda, der geschworen hat, die FDLR unschädlich zu machen. Er sollte 2003 mit seiner Truppe in die kongolesische Armee integriert werden, rebellierte dagegen und spaltete seine Bewegung von der Armee ab.
  • Die kongolesische Armee, deren Disziplinlosigkeit sprichwörtlich ist und die nie für Schlagkraft berühmt war. Sie hätte die FDLR seit Jahren konsequent bekämpfen, entwaffnen und nach Rwanda zurück verfrachten sollen. Dies geschah nicht und so rechtfertigte Nkunda seine Rolle.
  • Und die UNO-Blauhelmtruppe MONUC (17000 + 3000 Mann)
  • Außerdem eine Vielzahl lokaler Bürgermilizen, sog. Mai-Mai, die unerschrocken, aber auch unberechenbar  sind und schon mal die Fronten wechseln.

Während der seit Jahren tobenden Kämpfe wurde die Bevölkerung vielerorts vertrieben, die Infrastruktur großenteils zerstört. Besonders in den ländlichen Gebieten gab es kaum noch eine Gesundheitsversorgung. Über 5 Mio. Menschen kamen um, viele starben an Unterernährung oder an Krankheiten, die unter normalen Umständen gut behandelbar gewesen wären.

Die  Gewalt in der Region, die einen schaurigen Höhepunkt in dem Genozid 1994 in Rwanda mit über 800 000 getöteten Tutsi und moderaten Hutu hatte, bringt immer neue Gewalt hervor. Inzwischen sind ihr durch Krieg, Folter, Vergewaltigung, Vertreibung  und Krankheit im Kongo 6-7 x mehr Menschen zum Opfer gefallen als in Rwanda selbst. Erschütternd ist die Gewalt gegen Frauen in einem unvorstellbaren Ausmaß. Nach Schätzungen sind über 500 000 Mädchen und Frauen jeden Alters vergewaltigt und sexuell traumatisiert worden, und ein Ende ist nicht abzusehen. Der leitende Arzt des größten Programms zur Versorgung traumatisierter Frauen am Panzi-Hospital, Bukavu im Süd-Kivu, Dr. Denis Mukwege: Die Täter sind mehrheitlich Soldaten und Milizen aller Richtungen. Schwere und dauerhafte Verletzungen geschehen durch sexuelle Gewalt, durch Schusswaffen und penetrierende und scharfe Gegenstände, mit denen die weiblichen Genitalien zerstört werden. Viele überleben nicht. Viele erreichen nie eine Klinik und leben als Ausgestoßene in ihren Dörfern. Mädchen sind an ihren Geschlechtsorganen so zerstört, dass sie keine Kinder bekommen werden. Andere sind mit dem HIV-Virus infiziert. Wieder andere bringen durch Vergewaltigung gezeugte Kinder zur Welt. Die Klinik versucht, chronische Infektionen einzudämmen und durch wiederherstellende Operationen der Organe die häufige Inkontinenz in den Griff zu bekommen. Die Frauen werden psychosozial beraten und in Gruppen therapiert. Wenn sie nicht in ihr Heimatdorf zurückkehren können, bekommen sie eine einfache Ausbildung, um sich wirtschaftlich über Wasser halten zu können. Aber nicht nur die betroffenen Frauen, sondern auch ihre Familien und die Dorfgemeinschaften als Ganze sind traumatisiert. Für sie gibt es bisher zwar Beratung und materielle Hilfe, aber keine therapeutischen Angebote. Hier werden die Grundfesten einer bis dahin noch weitgehend intakten, traditionellen  Gesellschaft erschüttert.

Unter der Wucht der Gewalt wurden zahllose Dorfgemeinschaften gesprengt. Die Bewohner verlassen Haus und Felder und fliehen in die Umgebung der großen Städte, die aus den Nähten platzen. Beispiel Bukavu: 250 000 Einwohner (1996), fast 1 Mio. Einwohner (2007). Die Infrastruktur der Städte ist darauf nicht vorbereitet. Wasser- und Stromversorgung, Wohnraum und Schulplätze  reichen nicht aus. Die Abholzung der Wälder für Feuerholz über viele Jahre führt zu Erosion, und die auf den steilen Hängen eilig errichteten Hütten der Neuankömmlinge drohen in der Regenzeit weggeschwemmt zu werden. Vor allem: Es gibt keine Arbeitsplätze und die Lebensmittelversorgung ist prekär. Viele Menschen müssen von weniger als 100 $ im Jahr überleben.

Bei den ersten freien Wahlen im Jahr 2006 hat die Bevölkerung im Kivu mehrheitlich Kabila gewählt und ist von ihm nun mehr als enttäuscht. Das Vertrauen der Menschen in die Politiker ist auf den Nullpunkt gesunken. Zwangsläufig hat sich bei fehlender staatlicher Wirtschaftspolitik eine Schattenwirtschaft entwickelt. So funktionieren alle Märkte auf den ersten Blick chaotisch, auf den zweiten streng und doch schlicht organisiert. Der informelle Handel hat den offiziellen Warenverkehr ergänzt, z.T. auch abgelöst. Besonders im Osten des Landes haben die Menschen ihr Überleben längst selbst in die Hand genommen. Wie man schon unter Mobutu sagte: „Richtet euch nach article quinze - Artikel 15 der Verfassung (sie hatte damals nur 14). D.h. débrouillez-vous – schlagt euch durch.“

Die positive Wendung des Widerstands gegen Ausbeutung und Unterdrückung wäre Selbstbestimmung über die eigenen Reichtümer und die eigene Politik. Die Menschen im Kongo sehnen sich danach. Sie haben auch genug Esprit, um innerhalb des Landes ihre Angelegenheiten in einem demokratischen Prozess nach und nach selbst zu regeln, wenn man sie nur lässt. Die Einmischung von außen und die fremden Interessen der heutigen „Leopolde“ (der belgische König Leopold II. hatte seinerzeit den Kongo ausgeplündert) sind unvermindert stark am Werk. Der Appell aus dem Kongo an die Weltgemeinschaft nach Gerechtigkeit geht immer wieder unter. Insofern ist der Reichtum des Landes auch sein Fluch – bis heute. Die Kongolesen brauchen nicht Ausbeuter sondern solidarische Partner.