Vortrag von Dr. Fries zur Lage im Kongo 2009 Drucken
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Vortrag von Dr. Fries zur Lage im Kongo 2009
Kongo für alle – alle für Kongo?
Wie ist die aktuelle Situation?
Amani-Friedensprozess / Goma, Januar 2008
MONUC (UNO)
Wie kam es dazu, dass es so ist?
Stichworte zu Geografie, Infrastruktur und Geschichte des Kongo
Wohin fliehen die Menschen?
EU-Interventionspolitik
Verantwortung für die internationale Gemeinschaft
Andere Interessensmächte
Was könnte die Weltöffentlichkeit Positives tun? Z.B. Flüchtlingsaufnahme
Medien und Kontakte
Welche Form von Hilfe nützt den Menschen vor Ort?
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„Article quinze – Debrouillez-vous!“

Vortrag über die Dem. Republik Kongo in Villingen-Schwenningen am 03.03.2009

Von Elisabeth Fries



Kongo für alle – alle für Kongo?

Alle, die  ein Handy oder einen PC besitzen, sind stärker mit dem Kongo verbunden, als sie vielleicht bisher für möglich hielten. Für die Elektronik eines Handy oder PC wird Colombo-Tantalit (Coltan) gebraucht. 80% der weltweiten Vorräte dieses Minerals kommen aus dem Osten der Dem. Rep. Kongo, wo sie unter gefährlichen Bedingungen und gegen einen Hungerlohn von lokalen Arbeitskräften abgebaut, von eigenen und fremden Herren, oft Warlords, an Zwischenhändler verkauft oder gegen Waffen eingetauscht werden. Coltan, Cobalt, Kupfer, Uran, Erdöl, Diamanten, Gold und eine Reihe anderer seltener Edelmetalle und Mineralien werden im Kongo gefunden.


Wie ist die aktuelle Situation?

Drei Kriege hat es seit 1996 dort gegeben. 1997 bezwang der von Rwanda beauftragte Laurent Désiré Kabila (Vater des jetzigen Präsidenten Joseph Kabila) die Regierung Mobutus nach einem achtmonatigen Krieg, in dem er das Land von Ost nach West einnahm, setzte ihn ab und sagte sich von seinen Auftraggebern in Rwanda los. Rwanda schwor Rache. Kabila schütze sich, indem er ausländische Truppen ins Land holte. Sieben afrikanische Armeen waren bis zu dem von Südafrika moderierten Friedensschluss von Sun City 2002 im Kongo stationiert. Die Regierungen, die sich hier engagierten, ließen sich das aus den Ressourcen des Kongo bezahlen.

Kabila und seine Anhänger regierten wie zuvor Mobutu, als ob ihnen das Land persönlich gehörte. Es kam zur Meuterei der Truppen und zu erheblichen ethnischen Konflikten, die in den zweiten Kongokrieg mündeten (1998 – 2001). Am 16.01.2001 wurde L.D. Kabila in Kinshasa erschossen. Sein Sohn Joseph (29) wurde als „Präsident mit simbabwischer Leibgarde“ vereidigt.

Nachdem der große Krieg Rwanda – Kongo zu Ende war, gingen die Milizenkriege weiter. In der Provinz Ituri im Norden kämpften verschiedene Warlords unter ugandischem Einfluss um den Zugang zu den Bodenschätzen. Nebenher wurden alte Rivalitäten zwischen verschiedenen kongolesischen Gruppen ausgetragen.  Einer der Warlords, Thomas Lubanga, muss sich z.Zt. vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten. 
In der Provinz Nord-Kivu, also auf kongolesischem Boden, standen sich bis Januar 2009 im Wesentlichen folgende Kräfte gegenüber:

  • Rwandische Hutu-Milizen der FDLR (Dem. Kräfte zur Befreiung Rwandas) , die in ihren Reihen Anführer des Genozids in Rwanda 1994 haben. Sie brachten sich damals im Kongo in Sicherheit und haben sich im weiten Bergland des Ostkongo verschanzt. Von dort drohen sie mit Vorstößen nach Rwanda. Rwanda fordert seit langem, dass sie unschädlich gemacht werden müssen.
  • Die von Rwanda beeinflusste ostkongolesische Rebellenbewegung CNDP (Nat. Kongress zur Verteidigung des Volkes)  unter dem kongolesischen Tutsi-General Laurent Nkunda, der geschworen hat, die FDLR unschädlich zu machen. Er sollte 2003 mit seiner Truppe in die kongolesische Armee integriert werden, rebellierte dagegen und spaltete seine Bewegung von der Armee ab.
  • Die kongolesische Armee, deren Disziplinlosigkeit sprichwörtlich ist und die nie für Schlagkraft berühmt war. Sie hätte die FDLR seit Jahren konsequent bekämpfen, entwaffnen und nach Rwanda zurück verfrachten sollen. Dies geschah nicht und so rechtfertigte Nkunda seine Rolle.
  • Und die UNO-Blauhelmtruppe MONUC (17000 + 3000 Mann)
  • Außerdem eine Vielzahl lokaler Bürgermilizen, sog. Mai-Mai, die unerschrocken, aber auch unberechenbar  sind und schon mal die Fronten wechseln.

Während der seit Jahren tobenden Kämpfe wurde die Bevölkerung vielerorts vertrieben, die Infrastruktur großenteils zerstört. Besonders in den ländlichen Gebieten gab es kaum noch eine Gesundheitsversorgung. Über 5 Mio. Menschen kamen um, viele starben an Unterernährung oder an Krankheiten, die unter normalen Umständen gut behandelbar gewesen wären.

Die  Gewalt in der Region, die einen schaurigen Höhepunkt in dem Genozid 1994 in Rwanda mit über 800 000 getöteten Tutsi und moderaten Hutu hatte, bringt immer neue Gewalt hervor. Inzwischen sind ihr durch Krieg, Folter, Vergewaltigung, Vertreibung  und Krankheit im Kongo 6-7 x mehr Menschen zum Opfer gefallen als in Rwanda selbst. Erschütternd ist die Gewalt gegen Frauen in einem unvorstellbaren Ausmaß. Nach Schätzungen sind über 500 000 Mädchen und Frauen jeden Alters vergewaltigt und sexuell traumatisiert worden, und ein Ende ist nicht abzusehen. Der leitende Arzt des größten Programms zur Versorgung traumatisierter Frauen am Panzi-Hospital, Bukavu im Süd-Kivu, Dr. Denis Mukwege: Die Täter sind mehrheitlich Soldaten und Milizen aller Richtungen. Schwere und dauerhafte Verletzungen geschehen durch sexuelle Gewalt, durch Schusswaffen und penetrierende und scharfe Gegenstände, mit denen die weiblichen Genitalien zerstört werden. Viele überleben nicht. Viele erreichen nie eine Klinik und leben als Ausgestoßene in ihren Dörfern. Mädchen sind an ihren Geschlechtsorganen so zerstört, dass sie keine Kinder bekommen werden. Andere sind mit dem HIV-Virus infiziert. Wieder andere bringen durch Vergewaltigung gezeugte Kinder zur Welt. Die Klinik versucht, chronische Infektionen einzudämmen und durch wiederherstellende Operationen der Organe die häufige Inkontinenz in den Griff zu bekommen. Die Frauen werden psychosozial beraten und in Gruppen therapiert. Wenn sie nicht in ihr Heimatdorf zurückkehren können, bekommen sie eine einfache Ausbildung, um sich wirtschaftlich über Wasser halten zu können. Aber nicht nur die betroffenen Frauen, sondern auch ihre Familien und die Dorfgemeinschaften als Ganze sind traumatisiert. Für sie gibt es bisher zwar Beratung und materielle Hilfe, aber keine therapeutischen Angebote. Hier werden die Grundfesten einer bis dahin noch weitgehend intakten, traditionellen  Gesellschaft erschüttert.

Unter der Wucht der Gewalt wurden zahllose Dorfgemeinschaften gesprengt. Die Bewohner verlassen Haus und Felder und fliehen in die Umgebung der großen Städte, die aus den Nähten platzen. Beispiel Bukavu: 250 000 Einwohner (1996), fast 1 Mio. Einwohner (2007). Die Infrastruktur der Städte ist darauf nicht vorbereitet. Wasser- und Stromversorgung, Wohnraum und Schulplätze  reichen nicht aus. Die Abholzung der Wälder für Feuerholz über viele Jahre führt zu Erosion, und die auf den steilen Hängen eilig errichteten Hütten der Neuankömmlinge drohen in der Regenzeit weggeschwemmt zu werden. Vor allem: Es gibt keine Arbeitsplätze und die Lebensmittelversorgung ist prekär. Viele Menschen müssen von weniger als 100 $ im Jahr überleben.

Bei den ersten freien Wahlen im Jahr 2006 hat die Bevölkerung im Kivu mehrheitlich Kabila gewählt und ist von ihm nun mehr als enttäuscht. Das Vertrauen der Menschen in die Politiker ist auf den Nullpunkt gesunken. Zwangsläufig hat sich bei fehlender staatlicher Wirtschaftspolitik eine Schattenwirtschaft entwickelt. So funktionieren alle Märkte auf den ersten Blick chaotisch, auf den zweiten streng und doch schlicht organisiert. Der informelle Handel hat den offiziellen Warenverkehr ergänzt, z.T. auch abgelöst. Besonders im Osten des Landes haben die Menschen ihr Überleben längst selbst in die Hand genommen. Wie man schon unter Mobutu sagte: „Richtet euch nach article quinze - Artikel 15 der Verfassung (sie hatte damals nur 14). D.h. débrouillez-vous – schlagt euch durch.“

Die positive Wendung des Widerstands gegen Ausbeutung und Unterdrückung wäre Selbstbestimmung über die eigenen Reichtümer und die eigene Politik. Die Menschen im Kongo sehnen sich danach. Sie haben auch genug Esprit, um innerhalb des Landes ihre Angelegenheiten in einem demokratischen Prozess nach und nach selbst zu regeln, wenn man sie nur lässt. Die Einmischung von außen und die fremden Interessen der heutigen „Leopolde“ (der belgische König Leopold II. hatte seinerzeit den Kongo ausgeplündert) sind unvermindert stark am Werk. Der Appell aus dem Kongo an die Weltgemeinschaft nach Gerechtigkeit geht immer wieder unter. Insofern ist der Reichtum des Landes auch sein Fluch – bis heute. Die Kongolesen brauchen nicht Ausbeuter sondern solidarische Partner.


Amani-Friedensprozess / Goma, Januar 2008

Die großen Kirchen der Region haben sehr aktiv einen Friedensprozess unter dem Namen Amani-Prozess betrieben, der 2008 an Dynamik gewann. Die Vermittler reisten, unterstützt von Vertretern der EU, der UN und vielleicht auch der USA, die unter Bush auf Seiten Rwandas standen,  von Fraktion zu Fraktion, um alle Kriegsparteien zur Kooperation zu ermutigen.  Gleichzeitig lief ein Demobilisierungsprogramm der UN (MONUC – Mission der Vereinten Nationen im Kongo) für Hutu-Milizen. Bis  Anfang August 2008 herrschte so etwas wie Zuversicht unter den Beteiligten, dass es diesmal zu einer regionalen Befriedung kommen könnte.  CNDP-General Nkunda war allerdings zum Runden Tisch in Goma im Januar 2008 nicht erschienen.

Ab dem 28. August 2008 leitete der Vormarsch der CNDP in den Provinzen Nordkivu und Ituri eine neue Welle des Bürgerkriegs ein. Es gab erbitterte Gefechte zwischen kongolesischer Armee, MONUC und den Rebellen. Nkunda sprach gar von einem „Sturm auf Kinshasa“.  Zum Jahreswechsel 2008/09 waren über 800 000 kongolesische Zivilisten auf der Flucht – nach Uganda, nach Rwanda, oder in Richtung auf die Provinzhauptstadt Goma. Die humanitäre Situation war katastrophal. Eine Zeitlang verlief die Front mitten durch ein Flüchtlingslager nahe Goma. Konvois der Hilfsorganisationen wurden angegriffen und Mitarbeiter kamen ums Leben. Die Versorgung der Flüchtlinge konnte nicht mehr gewährleistet werden.

Ende Januar dieses Jahres wurde dieser letzte Feldzug unerwartet gestoppt: Nkunda wurde durch die Regierung von Rwanda, die ihn bisher unterstützt hatte, festgenommen. Ein überraschendes Abkommen zwischen dem kongolesischen und dem rwandischen Präsidenten hatte dazu geführt. Es besagt, dass nunmehr nicht Nkundas Rebellen, sondern die Truppen der rwandischen Armee im Verbund mit kongolesischen Soldaten jene Hutu-Milizionäre ausheben und nach Rwanda zurück zwingen sollen, die nach herrschender Lesart ein Hauptgrund des Dauerkrieges sind: Die FDLR. Unter ihnen befinden sich wie gesagt auch Anführer des Völkermordes in Rwanda 1994. Bisher hat sich die FDLR für jeden Versuch, sie zu entwaffnen, mit Gräueltaten an der Zivilbevölkerung gerächt. Während etwa 5000 rwandische Hutu der RDLF seit Nkundas Festnahme und dem Einmarsch der rwandischen Streitkräfte die Waffen gestreckt haben, sind andere dazu nicht bereit. Sie nehmen in diesen Wochen die kongolesische Bevölkerung zur Geisel oder vertreiben sie, um selbst der Festnahme zu entgehen. Aber diesmal wurde die FDLR nachhaltiger getroffen, und sowohl Kinshasa wie Kigali sprechen von einem Erfolg. Die Absprache zwischen den beiden bisherigen Kontrahenten wurde offenbar ohne Wissen der internationalen Vermittler um den nigerianischen Expräsidenten Obasanjo getroffen. Weder die UN-Mission noch das kongolesische Parlament waren vorab involviert. Es bleibt abzuwarten, ob diese Entwicklung gut oder schlecht für die Menschen im Ostkongo ist.

Was aus Nkunda wird, ist noch ungewiss. Kinshasa beantragt seine Auslieferung. Es ist zu vermuten, dass beim Internat. Strafgerichtshof in Den Haag ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt, da seine Truppen mehrerer Massaker und Vergewaltigungskampagnen beschuldigt werden.  Seine Miliz ist nach allem, was man weiß, tief gespalten. Ihr neuer Kopf Bosco Ntaganda hatte sich zuletzt gegen Nkunda gestellt und für eine Integration der CNDP in die kongolesische Armee plädiert. Ntaganda ist ehemaliger Weggefährte von Thomas Lubanga. Auch gegen Ntaganda hat das Gericht einen Haftbefehl ausgestellt wegen Verdachts auf Massaker an der Zivilbevölkerung und der Rekrutierung von Kindersoldaten.


MONUC (UNO)
Die 17000 Mann starke Blauhelmtruppe aus Uruguay, Pakistan, Bangladesh, Nepal und einigen Chinesen im Kongo ist die größte überhaupt und mit einem Auftrag ausgestattet, der ihr erlaubt zu kämpfen. Dennoch gelingt es nicht, das riesige Gebiet von der sudanesischen Grenze im Norden bis zum Tanganyikasee im Süden zu kontrollieren. Sie soll deshalb um ca. 3000 Mann aufgestockt werden, was aber angesichts der Probleme als ein symbolischer Akt angesehen werden muss.
Es erbittert die Bevölkerung, dass selbst in großen Städten wie Bukavu mit tausenden Blauhelmen bei einem Rebellenvorstoß 2006 Zivilisten regelrecht exekutiert und Plünderungen nicht verhindert wurden. Die Bevölkerung bringt denn auch ihr Misstrauen immer wieder zum Ausdruck, manche vermuten  gar eine Zusammenarbeit zwischen MONUC und Rebellen im Bergland.


Wie kam es dazu, dass es so ist?

Bodenschätze, ausgebeutet von skrupellosen Warlords  und aufgekauft von rohstoffhungrigen Industriestaaten, finanzieren Afrikas Kriege. Über „Blutdiamanten“ wurden die Kriege in Liberia und Sierra Leone finanziert. Reichtum ist Fluch – ganz gewiss seit der Kolonialzeit für den Kongo, das an Bodenschätzen reichste Land Afrikas.  Denn die Bergbaukonzessionen werden - mangels eigener technischer Kapazitäten beim Abbau und bei der Verarbeitung - bis heute an die Industriestaaten verkauft. Alle westlichen Länder, aber auch wachsende Industrienationen wie China mit seinem großen Rohstoffbedarf sind hier involviert. Die Bevölkerung kann bis heute von dem ungeheuren Reichtum allenfalls am Rande profitieren. Eine wichtige Global Player im Kongo sind

Kanadische EUROCAN
Schweizer Gruppe LUNDIN
US-AMERICAN  MINERAL FIELDS
DE BEERS, Südafrika
u.v.a.


Stichworte zu Geografie, Infrastruktur und Geschichte des Kongo

Die Demokratische Republik Kongo ist mit 3,3 Mio. km² ein Land von der Größe eines Kontinents, 10 x so groß wie die alte BRD. Sie hat ca. 60 Mio. Einwohner, davon fast die Hälfte 15 Jahre und jünger.  Es gibt kein durchgehendes Straßen- oder Schienennetz, und wer über größere Strecken von A nach B will, nimmt das Flugzeug oder vielleicht auch das Schiff. Es gibt über 250 Stämme und fast so viele lokale Sprachen und sieben afrikanische Hauptsprachen. Französisch wird als die einzige gemeinsame Sprache an den Schulen unterrichtet, es ist die Sprache der Gebildeten und der Verwaltung.

Stichworte: Auf der Berliner Konferenz wurde der Kongo 1885 Freistaat und persönliches Eigentum des Königs Leopold II., der die Bevölkerung in den nächsten 30 Jahren grausam unterdrückte und das Land durch Anbau von Kautschuk und Abbau von Bodenschätzen auspresste. Mutige Einzelpersonen stellten früh Nachforschungen über die Gräueltaten im Kongo an (Williamson, Morel) und es kam zu Demonstrationen in Großbritannien und den USA. Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit wegen der unerhört grausamen Ausbeutung  mit 10 Mio. Toten wurde der Kongo vor dem Ersten Weltkrieg schließlich einer Kolonialverwaltung durch den belgischen Staat unterstellt.
  
Als der Kongo 1960 sozusagen über Nacht in die Unabhängigkeit entlassen wurde, gab es nur eine Handvoll Kongolesen mit Universitätsabschluss. Die weißen Minenbesitzer und Militärkommandanten taten so, als ginge sie die Unabhängigkeit nichts an. Patrice Lumumba, der charismatische erste Premierminister, orientierte sich politisch links . Im Juli 1960 erklärte sich die reiche Südprovinz Katanga unter Moise Tshombe für unabhängig , und ein blutiger Bürgerkrieg brach los, der als „Kongo-Krise“ in die Geschichte eingegangen ist. Der damalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld vermittelte persönlich und starb beim Absturz seines Flugzeugs, dem die Landeerlaubnis verweigert worden war. Lumumba wurde unter Mitwirkung des amerikanischen Geheimdienstes festgenommen und 1961 von den eigenen Landsleuten hingerichtet. Der linksradikale Vizepremier Gizenga floh nach Brazzaville, und es kam zur Abspaltung eines Teils des Landes als Volksrepublik Kongo oder Kongo-Brazzaville. Die beiden Hauptstädte Kinshasa und Brazzaville liegen sich an dem 7 km breiten Kongo-Fluss gegenüber.
 
Mobutu beherrschte den Kongo von 1965 bis 1997 mit einer kleinen Machtelite von ca. 500 Personen, die sich an dem Verkauf von Bergbaukonzessionen an das Ausland schamlos bereicherten. 1971 wurde die Zairisierung mit Enteignung ausländischer Unternehmen durchgeführt. Das Land hieß ab jetzt Zaire nach dem afrikanischen Namen Zaire für den Kongofluss. Der Abacost („à bas le costume“) wurde als Kleidungsstück eingeführt  –  eine hemdähnliche Jacke mit offenem Kragen, ohne Schlips oder Krawatte. Westliche Vornamen wurden abgeschafft, jeder „Citoyen“ musste sich einen afrikanischen Namen zulegen.

Enteignungen ausländischer Unternehmen gab es über die Jahre immer wieder. Unter zairischer Leitung waren sie dann nach einiger Zeit so herunter gewirtschaftet, dass man die ursprünglichen Besitzer wieder zurück holen musste. Streiks an den Universitäten für mehr Demokratie führten Anfang der 90-er Jahre zu Neuwahlen und zur Umgestaltung des Parlaments. Eine echte Opposition wurde aber weiterhin nicht geduldet, Regimekritiker lebten im Ausland oder wurden inhaftiert und umgebracht. 1996 wurde Mobutu gestürzt und starb wenig später im Exil in Marokko.


Wohin fliehen die Menschen?

Das Gebiet der Großen Seen besteht aus den Ländern Dem. Rep. Kongo, Uganda, Rwanda, Burundi und Tanzania. Die zahlreichen Kriege der letzen 15 Jahre haben enormen Einfluss auf die Bevölkerung gehabt, und riesige Flüchtlingsströme ausgelöst. Sie ergossen sich während des rwandischen Bürgerkrieges von 1991 – 1994 aus Rwanda nach Uganda und in den Ostkongo; aus Burundi und dem Kongo nach Tanzania; ganz abgesehen von unzähligen Binnenvertriebenen im Kongo selbst. Viele Flüchtlinge sind in den letzten Jahren in ihre angestammte Gegend zurück gekehrt, zum Teil nachdem ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln in den Flüchtlingslagern nicht mehr sichergestellt werden konnte. Aber bis heute sind die Menschen in den ländlichen Gegenden nicht überall sicher. Truppenbewegungen der schlecht versorgten und kaum bezahlten Armee oder der Milizen sind unweigerlich mit einer Bedrohung für die Bevölkerung verbunden. Ob nun  die Ernte geplündert, die Tiere geraubt, Kindersoldaten rekrutiert oder Frauen bei der Feldarbeit oder beim Wasserholen bedroht werden – es ist ein Leben in etwa vergleichbar dem, wie es im Dreißigjährigen Krieg in Deutschland gewesen sein muss. Je länger es geht, um so mehr droht es in einem kollektiven Trauma zu enden. Im Norden der Dem. Rep. Kongo führt die ugandische Armee seit Jahresbeginn Vergeltungsschläge gegen die ugandischen LRA-Rebellen (Lord’s Resistance Army) durch, die dort Dörfer überfallen und angezündet und Bewohner umgebracht oder entführt haben. Ca. 100 000 sind dort auf der Flucht und ohne Zugang zu humanitärer Hilfe.


EU-Interventionspolitik

Die Unterstützung des Amani-Prozesses sollte intensiviert werden. Es gab Vorschläge, dass die EU eine 1500 Mann starke Kampftruppe in den Nord-Kivu schicken solle, um dem Spuk ein Ende zu machen, so wie es die Franzosen vor einigen Jahren in der Region Ituri zu Wege brachten. Die EU verweist auf die Priorität in Afghanistan. Man wolle sich nicht auf einen  lang hingezogenen Krieg im Ostkongo einlassen. 


Verantwortung für die internationale Gemeinschaft

Politische, wirtschaftliche und humanitäre Verantwortung:

  • Dem. Republik Kongo und die Region der Großen Seen auf die Prioritätenliste setzen;
  • Regionale Friedensbemühungen aktiv unterstützen
  • Handel Bodenschätze gegen Waffen unterbinden, vgl. Kontrolle und Verbot der „blood diamonds“ in Liberia und Sierra Leone
  • Verarbeitende Industrie im Land aufbauen
  • Entwicklungshilfe an die Nichtregierungsorganisationen statt an den Staat leiten
  • Information durch landesweite Medien fördern (Radio Okapi: Internat. Projekt Kanada/Schweiz unter Leitung der UN)
  • Menschenrechte stärken und einfordern: Militär und Polizei schulen; Journalisten und Menschenrechtler schützen; 
  •  Impunität beenden: Kriegsverbrecher vor den Int. Gerichtshof in Den Haag

Andere Interessensmächte

  • China drängt überall auf den afrikanischen Kontinent, auch im Kongo
  • Der Versuch einer politischen Umsetzung von Ruandas Ambitionen, ihren Einflussbereich im Ostkongo dauerhaft auszuweiten, böte Konfliktstoff für die Zukunft. Die Kongolesen würden eine rwandische Vorherrschaft niemals akzeptieren. Eine wirtschaftliche Zone der Großen Seen besteht bereits und könnte gefördert werden.

Was könnte die Weltöffentlichkeit Positives tun?  Z.B. Flüchtlingsaufnahme

  • Auf moralische Appelle verzichten.  Der Krieg im Kongo hat handfeste Interessen als Ursache
  • Zivilgesellschaft stärken, beispielhafte Persönlichkeiten hervorheben
  • Das Auge der Weltöffentlichkeit nützt dem Kongo. Aber nur, wenn die Öffentlichkeit sich informiert.
  • Flüchtlinge aufnehmen ja. Die meisten schaffen es nicht bis hierher.

Medien und Kontakte

Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo, rororo Sachbuch 61312, 1. Aufl. 2000

Dominic Johnson: Kongo, Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens, Verlag Brandes und Apsel, 2008

Im Schatten des Bösen. Der Krieg gegen die Frauen im Kongo . Dokumentarfilm, Susanne Babila, SWR, 2007

Ökumenisches Netzwerk Zentralafrika, Chausseestr. 128/129, 10115 Berlin, Tel.: 030 48625700.


Welche Form von Hilfe nützt den Menschen vor Ort?

  • Partnerschaften und Austausch auf allen Ebenen: Gemeinden, Schulen, Universitäten, Betriebe und Unternehmen, Kirchen
  • Förderung kluger Köpfe, z.B. in Form von Stipendien und Fortbildungen
  • Unterstützung beim Wiederaufbau der Infrastruktur, insbesondere Gesundheitseinrichtungen
  • Hilfe bei der Nutzung eigener Ressourcen
  • Schaffung von Arbeitsplätzen
  • Hilfe zur Selbsthilfe – Förderung von Basisprojekten